Gedenktafeln in Kirchlinteln eingeweiht
Über Monate hinweg haben sie sich getroffen: Karin Küssner, Hermann Meyer, Wolfgang Rodewald, Reinhard Ries und Hans-Jürgen Lange. Dabei sind vier Tafeln entstanden, die nun in Kirchrinteln in Anwesenheit von 42 Gästen eingeweiht wurden.
Zu Beginn der Einweihungsveranstaltung zitierte Pastorin Merle Oswich aus der Rede, die Hape Kerkeling vor kurzem anlässlich der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Buchenwald gehalten hatte: „So etwas wie eine Gnade der späten Geburt gibt es nicht. Es gibt nur die Pflicht der späten Erkenntnis.“ Und weiter: „Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre ein Schlussstrich unter unsere Demokratie.“
Die zuerst eingeweihte Tafel informiert über die Entstehung der Siedlung „Gottes Gnaden“ in Kirchlinteln. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich die Einwohnerzahl des Ortes durch die Ankunft von Flüchtlingen fast verdoppelt. Es herrschten Enge und Wohnungsnot. Um dem entgegenzuwirken, initiierte Pastor Weber den Bau. Unter tatkräftiger Mithilfe der Gemeinde wurden die ursprünglich sechs Gebäude in den Jahren 1949 und 1950 errichtet. Einer der Söhne des Pastors sagte mit Blick auf die Tafel: „Ich bewundere, dass damals das Dorf tätig geworden ist. Die Kirchengemeinde und das ganze Dorf. Ein Dorf hilft seinen Flüchtlingen.“
Hans-Jürgen Lange, der sich auch ehrenamtlich im Volksbund engagiert, sagte über den Zweck des Gedenkens: „Dankbar erinnern, aber nicht nur in der Vergangenheit verharren. Es gibt hier vor Ort und heute Menschen, die die Zeichen unserer Zeit erkannt haben und Solidarität, Nächstenliebe, Barmherzigkeit weitertragen in die Gebiete der Welt, die heute unter kriegerischen Ereignissen ihr Leben fristen müssen.“
Zur Einweihung einer Tafel auf der Kriegsgräberstätte des Kirchlintelner Friedhofes sprach auch Jan Effinger, Bezirksgeschäftsführer des Volksbundes Lüneburg/Stade. Hier sind 35 deutsche Soldaten beigesetzt, darunter mindestens zehn Minderjährige, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Sie starben Mitte April 1945 bei längst sinnlos gewordenen Abwehrkämpfen in Kirchlinteln und Umgebung. Effinger betonte, dass der Volksbund nach dem Krieg einen Paradigmenwechsel vollzogen habe: vom Heldengedenken zur Trauer um Söhne und Brüder, zur Mahnung der Gräber für den Frieden. Auch in der schlichten Architektur dieser Kriegsgräberstätte, die der damalige Bezirksverband Stade 1949/50 gestaltet hatte, komme dieser Sinneswandel zum Ausdruck.
Eine weitere Tafel ist den drei Kindern von Zwangsarbeiterinnen gewidmet, deren Gräber sich einst auf dem Friedhof befanden, aber eingeebnet wurden. Die von Zwangsarbeiterinnen geborenen Kinder wurden ohne ihre Mütter in sogenannten Ausländerkinder-Pflegestätten untergebracht, wo sie an Unterversorgung oder Unterernährung starben. Reinhard Ries sagte, vor der Tafel für die Kinder stehend: „Ich sage jetzt nicht gestorben sind, sondern die sind ums Leben gekommen. Das ist der richtige Ausdruck dafür. Das liegt an den Bedingungen, unter denen sie geboren wurden und gelebt haben oder leben mussten.“
Und schließlich erinnert eine der Tafeln an den sowjetischen Kriegsgefangenen Nikolaj Swisstun. Er geriet im September 1941 in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde zunächst in das Stalag 357 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine gebracht. Später wurde er in den Verwaltungsbereich des Kriegsgefangenenlagers Stalag X B Sandbostel überführt. Von dort wurde er in das Arbeitskommando 7188 in Kreepen gebracht, wo er nach etwa drei Monaten auf einem Bauernhof starb – nach nicht einmal einem Jahr in Kriegsgefangenschaft. Der 1915 in der Nähe von Dnjepropetrowsk Geborene wurde nur 27. Jahre alt. Auch sein Grab auf dem Kirchlintelner Friedhof war widerrechtlich eingeebnet worden. Für umso wichtiger erachtete Redner Thomas Grunenberg, Vorsitzender des Gedenkstättenvereins Sandbostel, den Schritt, dass dort nun wieder seiner gedacht wird.