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Meldungen aus dem Bezirksverband Lüneburg/Stade
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Geschichte bekommt Gesichter

Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Winsener Waldfriedhof enthüllt

Sieben Personen links und rechts von einer großen Tafel. Auf der Tafel Text und Abbildungen.

Johann-Peter-Eckermann-Realschule

Eine neue Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Winsener Waldfriedhof erinnert künftig an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft sowie an die Schicksale einzelner Menschen, die eng mit der Geschichte der Stadt verbunden sind. Entstanden ist sie im Rahmen eines eineinhalbjährigen Projekts des Wahlpflichtkurses „Stadtansichten“ des 10. Jahrgangs der Johann-Peter-Eckermann-Realschule.

Für ihre Recherchen begaben sich die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihrer Lehrerin Kati Grewe auf Spurensuche in Stadt- und Kirchenarchiv, werteten historische Dokumente aus und arbeiteten eng mit dem Bildungsreferenten des Volksbund Bezirksverbandes Lüneburg/Stade, Karl-Friedrich Boese, zusammen. Ziel war es, die Geschichten hinter den Namen auf den Grabsteinen sichtbar zu machen und einen dauerhaften Ort des Erinnerns zu schaffen.

Wie bedeutsam diese Arbeit ist, wurde bei der Einweihungsfeier deutlich. Während die Nachfahren des Soldaten Wilhelm Brandl eigens aus dem Allgäu und der Ammersee-Region nach Winsen gereist waren, nahm mit Maike Wrede die Enkelin einer Winsener Familie teil, deren Schicksal die Jugendlichen ebenfalls erforscht hatten. So trafen an diesem Vormittag Menschen zusammen, die durch die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges miteinander verbunden sind – auch mehr als acht Jahrzehnte später.

Die 17-jährige Nehir, die bereits im vergangenen Schuljahr an dem Projekt mitarbeitete, beschrieb die Recherchen als eine besondere Erfahrung. Geschichte sei plötzlich nicht mehr weit entfernt gewesen, sondern direkt vor der eigenen Haustür sichtbar geworden.

Der Erste Kreisrat des Landkreises Harburg, Josef Nießen, griff in seinem Grußwort die Worte des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker auf: „Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es zu einem Teil des eigenen Innern wird.“ Genau dies sei den Schülerinnen und Schülern gelungen, betonte Nießen. Sie hätten sich nicht nur mit historischen Fakten beschäftigt, sondern den Menschen hinter den Quellen und Grabsteinen ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Damit leisteten sie einen wichtigen Beitrag dazu, Erinnerung lebendig zu halten und die Bedeutung von Frieden, Demokratie und Menschlichkeit für kommende Generationen erfahrbar zu machen.

Auch Winsens Bürgermeister André Wiese würdigte die Arbeit der Jugendlichen und zitierte Heinrich Heine mit den Worten: „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte.“ Kaum ein Gedanke passe besser zu diesem Projekt. Die Schülerinnen und Schüler hätten eindrucksvoll gezeigt, dass sich hinter jedem Namen ein einzigartiges Leben, persönliche Hoffnungen, familiäre Bindungen und oftmals auch großes Leid verbergen. Die neue Geschichts- und Erinnerungstafel mache diese Geschichten sichtbar und bewahre sie als Teil der Winsener Stadtgeschichte für kommende Generationen.

Bildungsreferent Boese zitierte die Landtagspräsidentin Hanna Naber mit folgenden Worten: „Es bleibt die Vorstellung des nicht zu Ende gelebten Lebens. Die Vorstellung von erlittenem Leid, von gewaltsamem Tod, der alle Hoffnungen auf Zukunft ein Ende setzte.“ Er hob hervor, dass diese Worte für alle 140 Kriegstoten gelten, die hier auf dem Waldfriedhof in Winsen ihre letzte Ruhe gefunden haben – insbesondere für die sieben Kinder. Die gesamte Rede finden Sie hier zum Download.

Angehörige unter den Gästen

Besonders bewegend waren die Begegnungen mit den Angehörigen. „Für unsere Familie bedeutet es sehr viel, dass die Geschichte unseres Vaters und Großvaters nicht vergessen wird“, sagte Christl Franz, Tochter des 1945 im Winsener Lazarett verstorbenen Wilhelm Brandl. Auch Maike Wrede zeigte sich berührt darüber, dass junge Menschen die Geschichte ihrer Familie mit so viel Interesse und Respekt aufgearbeitet haben.

Pastor Markus Kalmbach erinnerte daran, dass hinter den Namen auf den Grabsteinen gelebte Leben, Hoffnungen und Verluste stehen. Seine Worte verliehen der Feier einen würdevollen Rahmen und machten deutlich, dass Erinnern immer auch Verantwortung für die Gegenwart bedeutet.

Finanziell ermöglicht wurde die Gestaltung der Geschichts- und Erinnerungstafel durch die Sparkasse Harburg-Buxtehude. Unterstützt wurde das Projekt darüber hinaus vom Volksbund, dem Stadtarchiv Winsen, dem Kirchenarchiv, der Friedhofsverwaltung sowie den Familien Brandl und Wrede.

Als die Gäste schließlich gemeinsam zur neuen Tafel gingen und an den Gräbern von Wilhelm Brandl sowie der Familie Wrede Blumen niederlegten, wurde deutlich, was dieses Projekt ausmacht: Die Schülerinnen und Schüler haben Geschichte nicht nur erforscht – sie haben ihr Gesichter gegeben.