Geschichts- und Erinnerungstafeln für den Celler Stadtfriedhof
Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, wurden eine Geschichts- und Erinnerungstafel sowie eine Pulttafel an den Kriegsgräbern des Celler Stadtfriedhofs enthüllt. Die Inhalte waren zuvor 18 Monate lang von 24 Schülerinnen und Schülern des 13. Jahrgangs der IGS Celle im Rahmen eines Geschichtsseminars erarbeitet worden.
Durch ihre intensiven Recherchen gelang es den Schülerinnen und Schülern, menschliche Einzelschicksale sichtbar zu machen. „Die auf diesem Friedhof versammelten Schicksale aus den beiden Weltkriegen waren bislang weitgehend unerforscht. Durch die Recherchen konnten nun einzelne Lebensgeschichten sichtbar gemacht werden. Die Schicksale der Gebrüder Kersting, von Dr. Martin Pfeiffer, Arnold Wilmschen, Otto Seide und Iwan Ostapenko sind nun auf den Geschichts- und Erinnerungstafeln nachvollziehbar“, sagte Sune Schlitte, der die Arbeit der Schüler als Lehrer betreut hatte.
„Gerade dieser lokalgeschichtliche Ansatz hat uns gezeigt, dass Geschichte nicht irgendwo weit entfernt stattgefunden hat. Sie begann nicht nur in Berlin oder an den Fronten Europas, sie begann auch hier vor Ort. In den Straßen, in Behörden, in Vereinen und den Nachbarschaften unserer eigenen Heimat“, sagte der Schüler Til Broschinski. Das Projekt hat die Sicht der Schülerinnen und Schüler auf die Geschichte verändert. „Denn plötzlich ging es nicht mehr nur um Jahreszahlen aus dem Unterricht, sondern um konkrete Schicksale: um Ausgrenzung, Verfolgung, Krieg und Tod – aber auch um Mitmenschlichkeit, Verantwortung und Erinnerung“, so Broschinski.
Mitschüler Peer Lasse Witt ergänzt, „worum es bei dieser Gedenktafel eigentlich geht: um Erinnerung. Denn Erinnerung ist weit mehr als nur ein Blick in die Vergangenheit. Sie ist eine Verantwortung, die bis in unsere Gegenwart hineinreicht.“ Deshalb sei Gedenken nicht nur eine Aufgabe älterer Generationen. „Es betrifft auch uns junge Menschen. Vielleicht sogar mehr denn je“, so Witt, dies auch mit Blick auf die aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland und Europa: „Wir erleben, wie Extremismus, Antisemitismus und Ausgrenzung wieder sichtbarer werden. Wir erleben, dass historische Fakten infrage gestellt oder relativiert werden. Umso wichtiger ist es, dass Orte wie dieser bestehen bleiben.“
Der Stadtverbandsvorsitzende des Volksbundes, Oberbürgermeister Jörg Nigge, dankte den Projektbeteiligten dafür, „die Geschichte in die Gegenwart zu ziehen und in den aktuellen Diskurs zubringen“. Landrat Axel Flader, Kreisvorsitzender des Volksbundes, betonte: „Es ist wichtig, dass junge Menschen Verantwortung für das historische Gedächtnisübernehmen. Sie tragen wesentlich dazu bei, dass die Geschichten der Toten nicht in Vergessenheit geraten und dass Friedhöfe als Lernorte der Geschichte für alle Menschen wahrgenommen werden.“
Der Bildungsreferent des Volksbundes Lüneburg/Stade, Karl-Friedrich Boese, hatte die Arbeit unterstützt. Er freute sich besonders, „dass Familienangehörige von hier ruhenden Toten heute nach Celle gekommen sind, um an der Einweihung der Gedenktafeln teilzunehmen. Sie haben die Inhalte der Tafeln bereichert, indem Sie uns Quellenmaterial zur Illustrierung der Ereignisse in Celle zur Verfügung gestellt haben“.
Gefördert wurde das Projekt durch die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg. Zudem hat die Bürgerstiftung Celle in Kooperation mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bei der Jugendbauhütte Helmstedt vier Doppelsitzbänke in Auftrag gegeben, die rund um die Kriegsgräberstätte aufgestellt werden sollen. Die ersten beiden wurden während der Feier enthüllt.