Lebendige Erinnerungskultur in Rotenburg/Wümme
In der vergangenen Woche wurden auf dem Rotenburger Waldfriedhof zwei neue Geschichts- und Erinnerungstafeln eingeweiht, die über das Schicksal der dort bestatteten Kriegsopfer informieren. Die Tafeln wurden von Abiturientinnen und Abiturienten des Ratsgymnasiums, Jahrgang 2026, in einem Seminarfachprojekt zur Erinnerungskultur erarbeitet.
Auf der Kriegsgräberstätte ruhen Kriegstote aus vielen Nationen, darunter sowjetische Kriegsgefangene, polnische Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, die das Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr erlebten. Der überwiegende Teil von ihnen waren ehemalige Häftlinge des KZ Neuengamme, die auf den Todesmärschen von 1944 bis 1945 in das Lager Sandbostel verschleppt wurden. Diese fanden unter unmenschlichen Bedingungen statt und kosteten Tausende das Leben.
Nach der Befreiung kamen die Überlebenden in das Ausweichkrankenhaus Unterstedt, das von britischen Militärärzten als „86th British General Hospital“ betrieben wurde. Trotz aller Bemühungen der Ärzte starben viele der geschwächten Häftlinge an Typhus, Ruhr und Erschöpfung. Die britischen Behörden legten zunächst unmittelbar neben dem Krankenhaus, auf dem Gebiet des heutigen Kleekamps, einen Friedhof an. Im Jahr 1952 wurden die 375 Toten unterschiedlicher Nationalitäten auf den Waldfriedhof umgebettet.
Unter der Leitung ihres Lehrers Norbert Bitzer arbeiteten sich die Schülerinnen und Schüler durch eine große Menge an Quellenmaterial. Dazu gehörten Unterlagen aus dem britischen Militärkrankenhaus, Patientenakten und Verstorbenenlisten. Wichtige Informationen wurden herausgefiltert und auf komprimierten Tafeln dargestellt. Auch der ehemalige Geschichtslehrer und heutige Archivar Heinz Promann stellte umfangreiches Material zur Verfügung und begleitete die Schlussredaktion. Die Gedenkstätte Lager Sandbostel stellte Bildmaterial zur Verfügung.
Marco Prietz, Landrat und stellvertretender Vorsitzender des Volksbund Bezirksverbandes Lüneburg/Stade, würdigte das Engagement der Jugendlichen: „Das ist genau das, was wir uns wünschen – einen Nachwuchs, der kritisch Geschichte begleitet, darüber nachdenkt und ganz konkret vor Ort einen Anknüpfungspunkt zur Geschichte findet.“ Stephan Lohmann, der für die Friedhöfe verantwortlich ist, betonte, dass diese nicht nur verwaltet, sondern auch gestaltet werden müssten: „Ein Friedhof ist eine ganzwertvolle Projektionsfläche, um ein Thema geschichtlich angemessen aufzubereiten – an einem Ort, an dem viele Besucherinnen und Besucher innehalten.“ Jan Effinger, Bezirksgeschäftsführer des Volksbundes, sagte, dass die Arbeit des Volksbundes längst nicht abgeschlossen sei: Vor nicht allzu langer Zeit hätten sich niederländische Angehörige eines hier Beerdigten gemeldet und sich dafür eingesetzt, dass dieser einen eigenen Grabstein erhalte. „Es befriedigt die Familien innerlich, zu wissen, dass ihr Angehöriger ein würdiges Grab hat. Wichtig ist, dass diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät – denn diese Orte sind eine Mahnung für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit.“ so Effinger. Bernadette Nadermann, Rotenburgs erste Stadträtin, sagte, die Einweihung sei ein weiterer Meilenstein für die lebendige und kritische Erinnerungskultur der Stadt. Die Stadt hat die Tafeln mit rund 2.600 Euro finanziert.