Meldungen aus dem Bezirksverband Lüneburg/Stade
Meldungen aus dem Bezirksverband Lüneburg/Stade

Machbarkeitsstudie in Lüneburg vorgestellt

Opfer der NS-„Euthanasie“ könnten noch geborgen werden

Drei Personen schauen auf einen handgezeichneten Plan. Sie stehen auf einer verschneiten Fläche

Joachim Zießler

Die Kriegsgräberstätte des Friedhofs Nord-West Lüneburg (ehemals Anstaltsfriedhof des Landeskrankenhauses) sollte 2025, 80 Jahre nach Kriegsende, neu gestaltet werden. Zuvor durchgeführte Sondierungsgrabungen förderten jedoch zutage, dass dort statt der mindestens erwarteten 84 tatsächlich nur 35 Opfer der NS-„Euthanasie“ beerdigt waren. Wir hatten darüber berichtet, den Artikel finden Sie hier

Wo sind die Toten? Um diese Frage zu beantworten, wurde eine Machbarkeitsstudie erstellt, die von der Stadt Lüneburg und der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten gefördert wurde. Die Studie kam zu dem Schluss, dass viele der Toten noch an ihren ursprünglichen Grabstätten liegen.

Die „Euthanasie“-Opfer waren zunächst auf dem Friedhof Nord-West, weitere Opfer des NS-Krankenmordes auch auf dem Lüneburger Zentralfriedhof bestattet worden. An diesen Orten setzte der Historiker Marcus Rischmüller mit seinen Recherchen an. Er analysierte Luftbildaufnahmen aus verschiedenen Jahrzehnten und wertete archivierte Dokumente aus. Nach der Auswertung von Lageplänen lassen sich die ursprünglichen Grablagen genau zuordnen. 

Viele der Bereiche, in denen die Opfer damals bestattet wurden, sind heute nicht mehr belegt. Es sei erstaunlich, so Dr. Carola Rudnick von der „Euthanasie“-Gedenkstätte Lüneburg, „dass es tatsächlich nur verhältnismäßig wenige Grablagen gibt, die wir mit Rücksicht auf die Totenruhe nicht sondieren können. Das heißt aber auch, viele Tote liegen mit hoher Wahrscheinlichkeit noch am Ort ihrer ursprünglichen Bestattung und können eventuell noch geborgen werden.“

Die als 40-seitige Broschüre vorliegende Machbarkeitsstudie benennt auch mögliche weitere Schritte, wie beispielsweise geologische Bodenuntersuchungen und genetische Analysen. Die Kosten für die Suche nach den Toten werden auf insgesamt rund 225.500 Euro geschätzt. Eine Förderung durch Bundesmittel von bis zu 170.000 Euro ist in Aussicht gestellt. Die beteiligten Stellen aus Stadt und Land führen nun Gespräche, um zu klären, wie es ab Juli 2026 konkret weitergehen kann.

Opfer der menschenverachtenden NS-„Euthanasie“ sind Kriegstote. Sie haben nach dem „Gesetz über die Erhaltung der Gräber der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft (Gräbergesetz)” ein dauerhaftes Ruherecht und die Gräber müssen gekennzeichnet werden. Unabhängig davon besteht aber auch eine moralische Verpflichtung gegenüber den Angehörigen, die jahrzehntelang unwissentlich an Scheingräbern auf dem Friedhof Nord-West in Lüneburg getrauert haben.

Um die auf der Kriegsgräberstätte des Friedhofes Nord-West noch vorhandenen 35 Gräber mit sterblichen Überresten hervorzuheben und zu sichern, wurden sie nun in Holz eingefasst und mit einer Blütensaat bepflanzt. Die seit 2015 bestehenden Geschichts- und Erinnerungstafeln wurden in Zusammenarbeit mit dem Volksbund, Bezirksverband Lüneburg/Stade, und der Gedenkstätte durch neue Tafeln ersetzt. Diese erklären den aktuellen Sachstand und die aktuelle Forschungslage.